


ARCHIV DER ABSCHWEIFUNG → 3000 BLATT oder OPERATION REISSWOLF
Beschreibung eines für die Akademie des deutschen Festivals IMPULSE entwickelten, nicht realisierten Residency-Projektes von Otmar Wagner
Bei diesem Projekt handelt es sich um eine offene 5-tägige ›durational performance‹, deren Rahmen ein schlichter konzeptueller Ansatz bildet: Ausdrucken digitaler Daten – Raumgestaltung mit den Papierbögen – performative Aktionen mit den Texten und Bildern sowie zusätzlichem Equipment – Schreddern der Papiere – Befüllung und Hängung der Säcke mit den Schnipseln.
»Das eigentlich Interessante für mich dabei ist nicht der Vorgang selbst, sondern, was in offener künstlerischer Forschung mit, durch und zwischen den Aktionsteilen geschieht – die Zustands- und Atmosphären-Veränderungen von Raum / Material / Performer.«
Pandemiebedingt kam es zur Verschiebung des Festivals von 2020 auf 2021. Im Frühjahr 2021 wurden neue Räumlichkeiten für die Impulse-Akademie gefunden. Aufgrunddessen wurde das ursprünglich entwickelte Konzept mit dem Titel ›ARCHIV DER ABSCHWEIFUNG‹ und mobilen Wänden aus ›analogen Dropbox-Ordnern‹ zugunsten eines site-spezifischen Ansatzes stark verändert und in ›3000 Blatt oder OPERATION REISSWOLF‹ umbenannt.
Die in den klaustrophobisch wirkenden Kellerräumen vorhandenen Regalelemente werden als ›Lagerstatt‹ für den Performer, technisches Equipment und Projektionsapparaturen genutzt. Ein Stand-Kopiergerät, mehrere im Raum hängende Aktenvernichter, transparente Säcke mit dem Aufdruck ›KUNSTSTOFFE‹ bilden weitere Elemente einer zunächst geordneten Rauminstallation – ergänzt durch eine mobile Kamera-Beamer-Einheit und einen Overheadprojektor.
Die Geräte und Raumelemente sind weitgehend mit Kontaktmikros bestückt – ihre Geräusche und Klänge werden in ein Klangverarbeitungssystem aus Loopern, Harmonizern, Soundmodulatoren eingespeist und musikalisch be- und verarbeitet. Der Raum wird zum Soundscape.
Das vorab gesammelte digitale Textmaterial besteht in erster Linie aus Programmheft-Vorworten, Interviews und Begleittexten, Presseartikeln des Impulse-Festivals, sowie generelle Theaterdebatten der jeweiligen Jahre (Material, das sich dem ›Nachdenken über Freies Theater‹ – so der Untertitel einer Impulse-Publikation – widmet), ergänzt durch grundsätzliche Literatur über Archive / Erinnern / Vergessen, wie etwa Aleida Assmanns ›Erinnerungsräume‹, Peter Melichars ›Tote und lebendige Archive‹, Feigl & Schröder über ›Performance + Archive‹, Freuds ›Notiz über den Wunderblock‹, Günter Butzer u.a. über ›Kulturelles Vergessen‹, Wehrens ›Überlegungen zum Körper als Archiv‹, Zeilingers ›Zur politischen Bedeutung von Erinnerung‹, Kastberger u.a. über den ›Schauplatz Archiv‹, Lars Moritz‘ ›Performing the Archive‹.
Der Analogisierungs- und Verarbeitungsprozess bis hin zum Schreddern des Materials wird in ›rituellen‹ Akten vollzogen – hier geht es nicht um eine analytische, sondern um eine pseudorituelle Ästhetik.
»Der Ansatz ist, animistische und kultische Ritualformen zu zitieren und zu exorzieren – die Objekt-Arrangements verweisen auf Altar-Installationen, die performativen Handlungen auf rituelle Beschwörungspraktiken. Dabei geht es mir um eine ›Strategie der Affirmation‹ (Bazon Brock), einer Brechung durch Überhöhung und Gratwanderung zwischen Pathos und Banalität.«
Die auditive Verarbeitung des Text- und Bildmaterials erfolgt auf mehreren Ebenen, die während der Residency in Düsseldorf erforscht werden. Dabei setzt Otmar Wagner auf sein Konzept der ›Territorien, die gesungen werden müssen‹ – Texte als zum Klingen gebrachte Gedächtnisräume.
»Der Raum ist ein Operationssaal (Orlan), der ein Aktionsraum (Joseph Beuys) und ein Bunker nach dem 3. Weltkrieg (Heiner Müller) ist. Vielleicht entstehen im Zuge der Überführung von digitalem Material in analoges Material und der plastischen Transformation dieses analogen Materials weitere Aktionen im experimentellen Umgang mit dem Material und den Instrumentarien. Ich kann mir vorstellen, dass es notwendig sein wird, das Kopiergerät ausgiebig zu penetrieren und die Aktenvernichter selbst der Vernichtung preiszugeben.«
Mitte Mai 2021 entschied sich Otmar Wagner, das Projekt aufgrund der weiterhin unkalkulierbaren Corona-Situation nicht zu realisieren. Stattdessen nahm Wagner am Zoom-Archiv-Gespräch Vol.4 zum Thema ›Archiv & Müll‹ teil – mit Paolo Bianchi (Kulturpublizist, Kreativitätsforscher), Wolfgang Stöcker (Internationales Staub Archiv), Lucie Strecker (Künstlerin), Otmar Wagner (Künstler), Moderation: Thomas Kaestle. Und der Kulturforscher und Dramaturg Henning Fülle führte vom Ort der vorgesehenen Performance in Düsseldorf aus ein 90-minütiges Video-Gespräch mit Wagner in seinem Atelier in Wien. Während des Festivals 2021 wurde es online gestellt und ist jetzt hier abrufbar.