BLACK & WHITE. 3 Modelle, 2 Begleithefte
2020 – 2022
Die Arbeit entstand unter dem Einfluß der Corona Lockdowns und der großen Black Lives Matter Demonstrationen in 2020. Sie bildet eine in sich abgeschlossene Trilogie, wurde aber gleichzeitig in das ›Wunderkammer‹-Gesamtkonzept der Ausstellung KABINETT DER ERSCHÖPFUNG integriert.
Konzept / Modelle / Texte: Otmar Wagner, Modellbau: Sophie Eidenberger, Otmar Wagner, Unterbauten: Mathias Lenz, Textlektorat: Katharina Fischer
BLACK & WHITE 1 – MENSCHENFÄRBEREI
(Hommage á Peter Basseler)
Modell im Maßstab 1:25; L: 42 cm, B: 40 cm, H: 23 cm
diverse Materialien, batteriebetriebene Mechanik, Taster
Diese Arbeit ist eine ›Coverversion‹ des Schaukastens KROKODILFÄRBEREI (1983) von Peter Basseler, das sich in der Sammlung Robert Simon des Kunstmuseums Celle befindet. Die Hommage an den Künstler bezieht sich nicht nur auf dieses Modell, sondern generell auf das Verfahren von Basseler, seine Modell-Objekte jeweils mit einem Text bzw. einer Kurz-Story auf besondere Weise in Beziehung zu setzen.
Über ein spezielles elektromechanisches Umlenksystem auf der Rückseite des Modells werden die beiden hängenden Figuren immer wieder in weiße bzw. schwarze Farbe getaucht und bis zur Decke hochgezogen. Der Vorgang wiederholt sich, solange man den Taster an der Frontseite gedrückt hält.
BLACK & WHITE 2 – Straße/Galerie + Begleitheft
Modell im Maßstab 1:50; L: 100 cm, B: 68,5 cm, H: 39 cm; diverse Materialien, elektromechanische Drehscheibe, Taster



Die Straße
Die im Modell dargestellte Szenerie ereignete sich im Januar 2021 in einer westeuropäischen Metropole im deutschsprachigen Raum. Während eines sogenannten ›Lockdowns‹ stehen sich BLACK-LIVES-MATTER-Demonstrant*innen und Einsatzkräfte der Polizei gegenüber. Die Straße wurde vorher weiträumig abgesperrt. Die Geschäfte (hier ein Schuhgeschäft) sind aufgrund des Lockdowns geschlossen, ebenso die Kultureinrichtungen (wie die GALERIE ZEITGENÖSSISCHER KUNST; siehe unten). Lediglich der österreichische Songwriter Ernst Molden zeigt sich mit seiner Gitarre auf einem Balkon.

Die Galerie
Die GALERIE ZEITGENÖSSISCHER KUNST wurde 1981 infolge einer Hausbesetzung in einer Großstadt im deutschsprachigen Raum gegründet. Seitdem verpflichten sich wechselnde, in der Regel im Kollektiv arbeitende Kurator*innen, jenseits jeglichen Mainstreams Ausstellungen von hohem künstlerischem Niveau zu realisieren – bei gleichzeitiger Integration sozialer, ökologischer, politischer und aktueller gesellschaftsrelevanter Fragen.
Als Grundlagen und Zielsetzung dieses alternativen Ausstellungskonzeptes wurden formuliert:
Wir fordern das Überdenken der gesellschaftlichen Rolle von Kunst und Kultur.
Wir fordern Zeit zum Nachdenken und Ausprobieren.
Wir brauchen Zeit zum Scheitern und Zeit zum Genuss des Gelingens.
Wir glauben an die bedingungslose Freiheit des künstlerischen Ausdrucks.
Der bedingungslose Ausdruck ist Teil der Meinungsäußerungsfreiheit, und damit Teil der Europäischen Menschenrechtskonvention.
Ressourcenphantasie, Kreativität und Schönheit sind unbegrenzt nutzbar und nachhaltig. Sie sind zweckfrei, aber nicht sinnlos.
Kulturpolitik und Nachhaltigkeitspolitik müssen enger miteinander verknüpft werden. Darum muss sich die Politik kümmern.
Nachhaltige Entwicklung ist ein diskursiver Prozess zwischen Ökologie, Ökonomie, Soziales und Kulturelles.
Nachhaltigkeit ohne kulturellen Bezug ist undenkbar. Kunst ohne Reflexion ist undenkbar.
Je näher man einen Satz ansieht, desto ferner sieht er zurück.
Die Galerie-Ausstellung
Die Ausstellung ›BLACK & WHITE – 10 Positionen‹ wurde seit Mitte 2019 von CCC – conceptual curator collective geplant und sollte vom 11. bis 17. Januar 2021 zu sehen sein. Aufgrund der Pandemie wurde sie auf unbestimmte Zeit verschoben.
Hinter dem anonym auftretenden Kurator*innenkollektiv CCC verbirgt sich eine Gemeinschaft von Kunstexpertinnen, die sich unabhängig von Geschlecht, Alter, Religion oder Weltanschauung, sexueller Orientierung, ethnischer Zugehörigkeit, sowie gesellschaftlicher Stellung für eine grenzüberschreitende Kunst einsetzt. Ziel ist die kritische Hinterfragung zeitgenössischer Kunstströmungen, die Auseinandersetzung mit Risiken und Nebenwirkungen der elektronischen Kunst, Hinterfragung der Nutzung freier Technologien als Kunst-Standards, sowie die Etablierung eines anderen, herrschaftsfreien Kunst-Diskurses. CCC spricht sich explizit gegen die ›Nische einer utopischen Kunst‹ aus – sie sehen sich vielmehr als Vertreter*innen einer Zivilgesellschaft, in der ökologische, ökonomische, soziale und kulturelle Themen immer wieder neu verhandelt werden.
In einem Interview mit dem CCC-Kollektiv in der taz vom 16.04.2019 meinte eine der Kurator*innen dazu:
»Schade ist, dass wir im Internet kaum zu finden sind, da wir immer mit diesem polnischen Schuhgeschäft verwechselt werden. Die Leute begreifen es einfach nicht. Und dann posten die nicht Kunst, sondern Sneakers. Das Ärgste ist aber, dass wir auch ständig mit dem Chaos Computer Club verwechselt werden. Da hast Du halt keine Chance. Ich glaube, wir müssen unseren Namen ändern und unser Logo, unser Selbstverständnis und unseren Internet-Auftritt. Ich glaube, wir müssen ganz viel ändern, damit wir endlich zu dem werden können, was wir eigentlich sind.«
Die einzelnen Arbeiten + Begleitheft-Beiträge:
BLACK & WHITE 3 – Theater + Begleitheft
Modell im Maßstab 1:50; L: 98 cm, B: 76 cm, H: 44,6 cm; diverse Materialien, elektromechanische Drehbühne, Taster, Rundscreen-Beleuchtung
Die im Modell dargestellte Szenerie zeigt die Eröffnungsinszenierung der Open-Air-Bühne Südraum Favoriten im August 2028.
Veranstalter: Künstleragentur Hoanzl (M. Niavarani & G. Hoanzl)
Regie: Frank Castorf
Bühne: Student*innen der Akademie der Bildenden Künste
Darsteller*innen: Hanne Brinkmann, Ludwig Hartau, Sabine Impekoven, Lissy Lind, Mia May, Martha Novelly, Ressel Orla, Fred Sauer, Fritz Spira, Curt A. Stark, Grete Weixler, Friedrich Zelnik
Technik und Produktion: ProSiBe
Im Jahr 2028 konkretisierte das Büro für Stadtentwicklung der Stadt Wien die Erschließung des ›Südraum Favoriten‹. Das PR-Management plante dementsprechend öffentlichkeitswirksame Projekte. Unter anderem beauftragte sie den Theatermacher Michael Niavarani, eine temporäre Open-Air-Bühne in bis dahin nie da gewesenen Dimensionen einzurichten.
Niavarani, der bis dahin mehrere kleinere Open-Stage-Projekte, wie das ›Globe Wien Open Air‹ oder das ›Theater im Park‹ realisiert hatte, zeigte sich begeistert:
»Mit dieser Initiative zeigt sich einmal mehr, wie sehr die Stadt an ihrer Aufgabe festhält, kulturelle Projekte als Motor zur Steigerung der Lebensqualität ihrer Bürger*innen wahrzunehmen.«
(Interview in Die Presse, 24.03.2028)
Realisiert wurde eine gigantische Arena-Bühne nach Vorbild des antiken Theaters (Zuschauer*innenbereich: 38 m breit, 27,5 m tief, 10 m hoch), mit einem Chorus als Drehbühne (Durchmesser: 8 m).
Die Basis für die – je nach Aufführung variable – Skene, bildete eine 2 Meter hohe, 34 m breite und 17,5 m tiefe Bühnenfläche, abgeschlossen durch einen 14 m hohen, frei gestaltbaren Rundvorhang.
Für die Eröffnungsinszenierung konnte Niavarani den deutschen Regisseur Frank Castorf gewinnen. Dieser meinte dazu:
»Was mich an dieser Aufgabe interessiert hatte, war dieses, wörtlich genommen, ›utopische Feld‹. Als mich Michael angefragt hatte, dachte ich erst, das sei so ein vollkommen übertriebener, unrealistischer Wiener Schmäh, und bei sowas muss man ja vorsichtig sein. (Lacht). Aber ich hab dann sehr schnell realisiert, dass ihm das ernst war. Die Wiener sind schon sehr speziell, da muss man sich ja nur mal die Donauinsel anschauen, oder den Lobau-Tunnel. (Lacht). Mir war dann aber ziemlich schnell klar, dass ich der Richtige bin, um dieses ›utopische Feld‹ zu bespielen. Vor allem als Erster.«
(›Die Komplexität der Welt auf dem Acker‹; Interview in Theater heute, Nov. 2028)
Das Bühnenbild wurde von Castorf in Zusammenarbeit mit der Bühnenbildklasse der Akademie der Bildenden Künste Wien entwickelt. Eine Studentin dazu:
»Das war schon irre, dass wir mit einem so großen Regisseur zusammenarbeiten durften. Der war auch total nett. Ich hatte aber von Anfang an den Eindruck, dass der schon genau wußte, was er haben will, und dass wir eigentlich keine eigenen Ideen einbringen konnten. Ich glaube, dass der von vornherein total fixiert war auf das Teatro Olimpico, dass das sein Bild war für den Prospekt, und dass es eigentlich nur noch darum ging, zu gucken, wie man das formalästhtisch umsetzt. Das hat ja dann auch geklappt. Wobei ich schon sagen muß, dass ich das schon komisch finde, einfach den Entwurf von Andrea Palladio zu nehmen, und den aufzublasen. Am Ende hast du dann ein Prospekt, das 34 m breit und fast 20 m hoch ist, gut aussieht, und einfach auch wegen seiner Monumentalität überzeugt, aber ich frage mich halt doch, was das soll. Einfach zu sagen, dass die Fassade für das Projekt des gescheiterten neuzeitlichen bürgerlichen Humanismus steht, genau so hat’s uns der Castorf nämlich erklärt, reicht mir irgendwie nicht.«
(Audiointerview, 16.01.2029, unveröffentlicht. Privatarchiv Otmar Wagner; Transkription: Katharina Fischer)
Auszug einer Besprechung der Aufführung in Nachtkritik, 23.08.2028:
»(…) und dann hat’s getröpfelt. Und Dunkelheit kam auch auf. Macht nichts, denn Castorf hat seinen eigenen Himmel mitgebracht, hell erleuchtetes Abendrot. Zu diesem glühenden Inferno gelangt man, wenn man durch die strenge zentralperspektivische Anordnung hindurchschaut – wenn man durch die Barriere, der monumentalen Kopie der Fassade des Teatro Olimpico, hindurchblickt, und dieser Blick an den Mauern, an den Fragmenten der Jerusalemer Klagemauer (die wie Zitate anmuten) entlang zum Horizont gelangt, wenn der Blick also vom Ideal des humanistischen Selbstverständnisses über den Holocaust und die weltweiten Grenzen zu einem düsteren Himmel führt, dann begreift man, dass hier ein Großmeister am Werk ist. Castorf macht nicht viele Worte. Von irgendwo her werden Black Lives Matter Slogans skandiert. Die Polizei (Staatsmacht) bringt sich in Stellung. Die Welt (der Chorus) dreht sich (um sich selbst?) – in Endlosschleife. Totale Avantgarde. Berührend. Erschütternd.«
Eine anonyme Leserin kommentierte den Nachtkritik-Artikel so:
»Das ist wieder typisch Weltverbesserer Castorf. Da darf die Klagemauer als Symbol für den Holocaust und die Auseinandersetzung mit weltweiten Grenzen herhalten. Was der Herr Castorf aber nicht sagt, ist, dass den Frauen – streng abgetrennt von den Männern – nur ein Viertel der Mauer zum Beten zur Verfügung steht. Er verschweigt auch, dass sich die israelische Frauenrechtsorganisation N’schot ha-Kotel (Frauen der Mauer; Anm. der Redaktion) seit fast 40 Jahren für das Recht jüdischer Frauen einsetzt, am gesamten Bereich der Klagemauer zu beten. Und das ohne jeden Erfolg. Castorf hat seine ultraorthodoxe Gesinnung und Frauenfeindlichkeit offensichtlich nicht abgelegt. Ich erinnere nur an dieses unsägliche Interview in der Zeit von vor 10 Jahren, wo er behauptete: ›Wir haben eine Frauen-Fußballweltmeisterschaft und eine Männer-Fußballweltmeisterschaft, und in der Qualität des Spiels unterscheidet sich das schon sehr. (…) Wenn eine Frau besser ist, habe ich nichts dagegen. Nur habe ich so viele nicht erlebt.‹ – Na prima, Arschloch! – Ich empfehle, den damals von der Dramaturgin Felizitas Stilleke verfassten offenen Brief an Castorf zu lesen! (Tageszeitung Die Welt, 04.07.2018; Anm. der Redaktion). Ich bin es langsam leid, dass solche alten, weißen, heterosexuellen Männer immer noch den öffentlichen Diskurs in der Kunst bestimmen!!!«
Bei der dargestellten Aufführung kam es zu einem Eklat durch einen Flashmob im Publikum – unmittelbar gepostet unter dem Hashtag #letshaveyellowfun.
Augenzeug*innenberichten zufolge habe es sich allerdings lediglich um eine ›B’soffene G’schicht‹ einer asiatischen Tourist*innengruppe gehandelt. Nach Einschreiten der Security und Entfernung der Störenfried*innen konnte die Aufführung fortgesetzt werden.














































