WALL/WORK IN PROGRESS. Zu einer Ästhetik der Absperrung
Wandarbeit im Rahmen der Ausstellung ›NON DEGRADABLE‹.
SALON DER KULTUREN, Educult im Museumsquartier Wien, 10.06.-30.09. 2022
An der Ausstellung beteiligte Künstler*innen: Stefanie Koscher, Thaer Maarouf, Otmar Wagner
Kurator: Omar Zatar
Die bildnerische Auseinandersetzung mit world wide border walls / fences und ihren Ästhetiken basiert auf einer Essay-Performance, die Otmar Wagner von 2016 bis 2019 unter dem Titel ÄSTHETIK DER ABSPERRUNG in unterschiedlichen Varianten und an verschiedenen Orten gezeigt hat. Als Mischung aus ›mental map‹ und Pinnwandkarte kombiniert die Arbeit Fotos, Skizzen, Texte, einen Mini-Videoscreen und Audiofiles, die über Buttons ausgelöst werden.
»Als mich der wunderbare Künstler und Kurator Osama Zatar um einen Beitrag für die Ausstellung mit dem Titel ›NON DEGRADABLE‹ bat, dachte ich: oje, schon wieder so eine Themenausstellung mit am Ende politisch korrekten, hübschen künstlerischen Arbeiten zu Plastikmüll und Ölkatastrophen. Deshalb habe ich hinter das ›non degradable‹ erstmal ein Fragezeichen gesetzt. Das gefiel mir sehr, weil die Setzung ihren Determinismus verlor und sich in verschiedene Richtungen öffnete – bis hin zur Auseinandersetzung mit persönlichen mentalen Konstitutionen: Sind mein Stress, meine Aggressionen und Depressionen als privilegierter Systemarbeiter und funktionierender Selbstausbeuter in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft abbaubar, und wenn ja, wie? Sind Vorurteile, Rassismus, Neo-Kolonialismus in mir (als heterosexueller, weißer, alternder Mann) abbaubar, und wenn ja, wie? Tolle Themen, die aber besser in Therapiesitzungen aufgehoben sind.
Aufgewachsen bin ich in einem erzkatholischen kleinen Dorf im deutschen Grenzgebiet zwischen Bayern, Hessen und Kurmainz, inmitten des Kalten Kriegs. Meine Grenzbesuche und Grenzüberschreitungen (in der Rhön, in Berlin) hatten – weil ich mich auf der privilegierten Seite der Mauer befand – einen gewissen erotischen Reiz. Das kann man scheiße finden, war aber so. Seit 1989, dem Abbau der deutsch-deutschen Grenzbefestigung, ist die Zahl der errichteten Mauern und Zäune weltweit um etwa das 4-fache gestiegen. Die künstlerische Verarbeitung des unendlichen Elends, der Schrecken, des Leids, der Verzweiflung, der Schmerzen, des Tods in und an den Todesstreifen bedeutet immer auch Ästhetisierung, und ist daher grundsätzlich zynisch. Und doch, trotz Adornos vielzitierter Bemerkung ›nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch‹, werden weiterhin Gedichte geschrieben, Opern gesungen, Bilder gemalt. Alles hat ein Ende, nur die Hoffnung keins. Mit der Arbeit setze ich das Niemandsland zwischen l’art pour l’art und politischer Kunst ins Spiel«.
(Statement im Begleitblatt zur Ausstellung)































